

Frau Tumat, viele haben sich beim Erscheinen der „Neues Leben Bibel“ (NLB) gefragt: Warum eigentlich noch eine moderne Übersetzung? Was antworten Sie auf eine solche Frage? In was hebt sich die NLB von der Guten Nachricht, Hoffnung für alle oder auch der Neuen Genfer Übersetzung ab?
Jede Übersetzung hat ihre Besonderheiten, ihre Stärken (und Schwächen), die sie für den jeweiligen Leser zur passenden Bibel machen. Die Neues Leben Bibel (NLB) ist in moderner, leicht verständlicher Sprache geschrieben, aber doch nah am Urtext – das unterscheidet sie von anderen modernen Übersetzungen, die vielleicht leicht lesbar, aber ungenau sind oder zwar nah am Urtext, aber kompliziert zu lesen.
Hatten die NLB-Übersetzer eine bestimmte Zielgruppe vor Augen?
Ja und nein. Natürlich denkt man bei einer modernen Übersetzung an jüngere Leute, die mit den älteren schwerfälligeren Übersetzungen nicht so viel anfangen können - insbesondere, wenn sie nicht mit dem christlichen Wortschatz groß geworden sind. Aber gleichzeitig ist die NLB für Menschen gedacht, die die Bibel schwer verständlich finden und deshalb keinen Zugang zu Gottes Wort haben – und das können Menschen aller Altersgruppen sein.
Die NLB ist ja nicht komplett neu übersetzt, sondern basiert auf der „New Living Translation“. Wie hat sich die Übersetzungsarbeit in diesem Aspekt gestaltet? Wieviel „New Living Translation“ ist in der „Neues Leben Bibel“ drin?
Die „New Living Translation“ diente als Übersetzungsvorlage, die wir dann von Theologen haben prüfen lassen und danach noch mehrfach lektoriert und wieder mit den Theologen abgestimmt haben. Von daher ist in manchen Büchern mehr, in anderen weniger „New Living Translation“ enthalten. Die amerikanischen Vorstellungen von „Urtext-nah“ entsprechen nicht immer ganz den deutschen ...
Inwiefern?
Die Amerikaner haben es gern etwas actionreicher als wir, daraus ergeben sich Unstimmigkeiten bei der Urtextnähe. Zum Beispiel bei der Schilderung der Schlachten - die kann man mehr oder weniger dramatisch schildern. Wir haben uns für die weniger bunte Darstellung entschieden, weil sie unserem Verständnis nach näher an der hebräischen Sicht ist. Insgesamt möchte ich aber noch einmal betonen, dass die NLB das Produkt von deutschen Übersetzern, Theologen und Lektoren ist und die amerikanische Version vorrangig als Vorlage für den "Geist" der Übersetzung gedient hat. Gemeinsam ist also ist die Idee, eine leicht lesbare, leicht verständliche Übersetzung zu schaffen, die trotzdem die Nähe zum Urtext bewahrt. Dass diese Grundidee in Deutschland und Amerika zu unterschiedlichen Übersetzungen führt, ist aufgrund der Unterschiedlichkeit unserer Kulturen ganz klar.
Welches Buch war am Schwersten zu übersetzen?
Das ist schwer zu sagen - jedes hat seine eigenen kniffligen Stellen. Aber die großen Propheten Jesaja und Jeremia haben uns schon viel Kopfzerbrechen bereitet. Es ist aber auch erstaunlich, welche Tücken die historischen Texte aufweisen, wenn man in die Tiefe geht.
...zum Beispiel?
Die Arbeiten am Zelt Gottes im 2. Buch Mose. Da gibt es so viele Maßangaben, die mit Fußnoten zu versehen sind, Materialien, die heute keiner mehr kennt (was bitte ist Tachasch-Haut?) und eine Vielzahl von Details, die richtig wiedergegeben werden müssen. Da geht dann Urtext-Nähe vor Lesefreundlichkeit ... Theologisch knifflig war hier vor allem die Frage, wie wir dieses „Zeltheiligtum“ nennen. Luther wählte als Übersetzung „Stiftshütte“; dieser Begriff ist heute recht bekannt.
Wir dachten uns aber, dass er eigentlich im heutigen Sprachgebrauch keinen Sinn ergibt und auch nicht wirklich das ausdrückt, was im Text steht. Es gibt im AT viele Stellen, an denen dieses „Zeltheiligtum“ genannt wird, allerdings mit mehreren Bedeutungen: Es gibt das „Zelt der Verabredung“, das „Zelt des Zeugnisses“ und die „Wohnung des Zeugnisses“. Wir haben uns schließlich für das „Zelt Gottes“ entschieden, um diesen verschiedenen Bedeutungen gerecht zu werden und gleichzeitig einen bildhaften Ausdruck zu wählen, unter dem sich der Leser etwas vorstellen kann.
Wie kann ich mir eine solche Übersetzungsarbeit konkret vorstellen – bekommt jeder einen Abschnitt, der dann von allen anderen redigiert wird?
Es wäre ein endloses Verfahren, wenn jeder alles lesen würde, dafür haben viel zu viele Fachleute an der Übersetzung mitgewirkt. Jedes biblische Buch hatte deshalb neben dem Übersetzer einen Hauptlektor, der eng mit einem Theologen und einem zweiten Lektor zusammengearbeitet hat. Außerdem wurden Texte geeigneten Testlesern gegeben, die uns hilfreiches Feedback gegeben haben.
Wie sind Sie mit Stellen verfahren, zu denen es im Übersetzerteam unterschiedliche Übersetzungsvarianten gab?
Für solche Stellen und andere zentrale Fragen gab es einen Projektleiter, der die Fäden in der Hand gehalten und im Zweifelsfall entschieden hat.
...das heißt, es gab keine demokratischen Abstimmungen mit Mehrheitsvotum, sondern der Projektleiter hat im Zweifelsfalle alleine entschieden?
Es war keine autoritäre Entscheidung, denn die Theologen sind unsere Spezialisten, die letztlich eine Formulierung akzeptiert haben oder nicht. Wir haben in solch einer Situation gemeinsam um die richtige Lösung gerungen, aber nur bei den wirklich schwierigen Fragen wurde der Projektleiter überhaupt eingeschaltet, als Vermittler sozusagen. Oft ist es auch so, dass ein bislang Unbeteiligter an einer Stelle Formulierungen findet, an die diejenigen, die sich schon lange mit den Worten befassen, noch gar nicht gedacht haben.
Übersetzung ist immer auch Interpretation. Wie stark wird der Heilige Geist bei einer solchen Übersetzungsarbeit beteiligt? Erliegt man nicht leicht der Gefahr, die persönliche Sicht der Dinge mit einfließen zu lassen? Oder ist die Gefahr beim NT größer als beim AT?
Eine schwierige Frage. Natürlich haben wir darum gebetet, dass Gott uns mit seinem Geist bei der Übersetzung leitet, denn es gibt wohl kaum eine schwierigere Aufgabe, als Gottes Wort gut zu übersetzen. Sich da nur auf die eigenen Fähigkeiten zu verlassen, wäre absolute Selbstüberschätzung. Trotzdem bringt jeder seine eigene Sicht mit ein, auch seinen sprachlichen Stil. Fünf Lektoren werden einen gleichen Text jeweils anders gestalten und in der Version des anderen „korrekturwürdige“ Formulierungen finden. Deshalb muss man das richtige Maß an Korrekturläufen finden, um persönliche Färbungen auszumerzen und gleichzeitig nicht zu viel (und letztlich sinnlos) zu korrigieren. Und sicherlich ist die Gefahr persönliche Aspekte einfließen zu lassen im NT größer, weil sich die meisten Menschen im NT auch theologisch besser auskennen als im AT.
Welche Rückmeldungen haben Sie bzw. der Verlag bisher von Seiten der Leser bekommen? Gab es eine Resonanz in den säkularen Medien?
Zum NT und vor allem auch zur Studienbibel „Begegnung mit Gott“, die ja auch mit dem NLB-Text arbeitet, haben wir sehr gute Rückmeldungen bekommen. Der Text lässt sich demnach gut lesen, auch laut vorlesen, und wird wirklich besser verstanden. Eine Frau sagte mir einmal, dass sie in der Stillen Zeit eigentlich immer Luther gelesen habe, nun aber gern die NLB nimmt, weil sie so mehr versteht. Aber natürlich gibt es auch negative Stimmen, die uns vorwerfen, Gottes Wort nicht richtig wiederzugeben. Ich denke, das ist normal bei einer modernen Übersetzung. In den säkularen Medien ist die NLB bisher nicht aufgetaucht, das wird sich hoffentlich ändern, wenn nun die vollständige Bibel auf dem Markt ist.
Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!
Das Interview führte Rolf Krüger.

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